Chro­nik

Der Obst- und Garten­bau­ver­ein von Bad Roten­fels wurde im Jahr 1930 von eini­gen Nebener-werbs-Obst­bau­ern sowie einem Baum­schu­len­be­sit­zer gegrün­det. Diese hatten sich zum Ziel gesetzt, Infor­ma­tio­nen und Erkennt­nisse über Obst­bäume auszu­tau­schen, eine vereinsge-stützte Selbst­hilfe zu orga­ni­sie­ren und preis­güns­tige Sammel­be­stel­lun­gen durch­zu­füh­ren.

 

 

Das Grün­dungs­jahr 1930

 

In Berlin regierte Reichs­prä­si­dent Paul von Hinden­burg, und Reichs­kanz­ler Hermann Müller musste wegen der hohen Arbeits­lo­sig­keit und Staats­ver­schul­dung in Deutsch­land zurück­tre­ten. Sein Nach­fol­ger wurde Hein­rich Brüning.

 

Die Demo­kra­ti­sche Repu­blik Baden wurde von Josef Schmitt von der Zentrums­par­tei geführt.

 

In jener Zeit fungierte August Huber als Bürger­meis­ter in Roten­fels, Melchior Riedin­ger versah seinen Dienst als Rats­schrei­ber, Emil Grana­cher wirkte als Pfar­rer und Karl Wehrle war als Ober­leh­rer tätig.

 

In Berlin wurde der Reichs­ver­band der deut­schen land­wirt­schaft­li­chen Genos­sen­schaf­ten – Raiff­ei­sen – gegrün­det und in Roten­fels der Obst- u. Garten­bau­ver­ein.

 

Nach­fol­gend die Grün­dung des Vereins:

 

Wegen der wirt­schaft­lich schlech­ten Zeiten mit hoher Arbeits­lo­sig­keit und kata­stro­pha­ler Staats­ver­schul­dung waren damals viele Roten­fel­ser auf den Ertrag ihrer Feld- und Garten-früchte ange­wie­sen. Aus dieser Notlage heraus galt es, die vorhan­de­nen Äcker, Wiesen und Gärten noch besser zu nutzen. Daher folgte man im vorde­ren Murg­tal dem Beispiel ande­rer Ortschaf­ten im Umkreis und grün­dete im Jahr 1930 auch in Roten­fels einen Obst- und Garten-bauver­ein. Die Namen der Grün­dungs­mit­glie­der sind nicht bekannt und auch nicht, wer den Verein in den ersten Jahren leitete. Es ist ledig­lich über­lie­fert, dass sich Xaver Götz­mann als Besit­zer einer örtli­chen Baum­schule hier beson­ders enga­gierte. Dessen beiden Söhne Franz und Josef waren bereits als kleine Buben für das Kassie­ren der Mitglieds­bei­träge zustän­dig.

 

Der Grün­dungs­zweck lag klar auf der Hand: durch Schu­lung der Mitglie­der und durch gute Zusam­men­ar­beit der Land­wirte unter­ein­an­der wollte man eine bessere Versor­gung mit Lebens­mit­teln gewähr­leis­ten. Man hoffte, somit nicht nur den Ertrag an Feld- und Garten-früch­ten zu stei­gern, sondern zugleich auch schmack­haf­te­res Obst und Gemüse zu produ-zieren.

  

 

Die land­wirt­schaft­li­che Situa­tion zur Zeit der Vereins­grün­dung

 

1930 war Roten­fels mit mehr als 2.000 ha eine der größ­ten Gemar­kun­gen im Amts­be­zirk Rastatt, wobei der größte Teil davon aus Wald bestand. 200 ha waren Wiesen und etwa 330 ha Acker­land.

 

Das Gras­land befand sich meist in den Wiesen­tä­lern des Gommers­bach, des Horren­bach, des Itters­bach, des Stahl­bach und in den feuch­ten Niede­run­gen der Dach­grub und des Wissig. Die heuti­gen Streu­obst­wie­sen der Vorberg­zone waren dage­gen zumeist frucht­bare Äcker, auf denen über­wie­gend Getreide, Kartof­feln und Futter­mit­tel ange­baut wurden. Das Obst- und Gemü­se­sor­ti­ment war im Jahr 1930 noch recht dürf­tig und zudem wenig abwechs­lungs­reich.

 

 

Das wirt­schaft­li­che Leben in Roten­fels in den 30er-Jahren

 

In jener Zeit waren im Ort etwa 50 Hand­wer­ker ansäs­sig, darun­ter Schrei­ner, Blech­ner, Zimmer­leute, Glaser, Schmiede, Wagner, Rechen­ma­cher, Satt­ler, Gipser und Tape­zie­rer. Einige Händ­ler versorg­ten die Bevöl­ke­rung mit Kolo­ni­al­wa­ren, Schu­hen und Eisen­wa­ren, mit Geschirr, Elek­tri­zi­täts­wa­ren und Fahr­rä­dern, sowie mit Herden und Nähma­schi­nen.

 

In der Gemeinde gab es einen land­wirt­schaft­li­chen Betrieb über 20 ha, 54 Betriebe von 2 bis 10 ha und 343 Betriebe unter 2 ha. 10 Roten­fel­ser Bürger betrie­ben die Land­wirt­schaft  noch als Haupt­be­ruf und 45 als Neben­be­ruf.

 

Zur Weiter­ver­ar­bei­tung der land­wirt­schaft­li­chen Produkte hatte die Gemeinde an der heuti­gen Ring­straße, Ecke Almen­weg eine Halle errich­tet, in der eine Dresch­ma­schine und eine Kelter unter­ge­bracht waren. Weitere Keltern befan­den sich beim Gast­haus Strauss sowie in Winkel bei Fami­lie Mitzel. Das meiste Obst wurde in den Keltern zu Most verar­bei­tet, manches aber auch in klei­nen Bren­ne­reien zu Hoch­pro­zen­ti­gem umge­setzt. Beim Gast­haus Krone gab es zur Mehl­her­stel­lung eine Mühle.

 

Die Auswir­kun­gen des verlo­re­nen Ersten Welt­krie­ges waren noch immer deut­lich zu spüren. Repa­ra­ti­ons­zah­lun­gen an die Sieger­mächte belas­te­ten den Staats­haus­halt. Die Zahl der Arbeits­lo­sen war in Deutsch­land auf 3 Millio­nen ange­stie­gen, und ebenso viele Menschen waren in Kurz­ar­beit. Da die Bevöl­ke­rung in den letz­ten Jahr­zehn­ten stark ange­wach­sen war, reichte die Land­wirt­schaft allein nicht mehr aus, um alle Menschen zu ernäh­ren. Der Gemein-derat beschloss daher, den Bau von Feld- und Wald­we­gen voran­zu­trei­ben, damit wenigs­tens wieder einige Männer in Beschäf­ti­gung kamen. Damals wurde beispiels­weise der Hühner-graben­weg gebaut.

 

In jene schwie­rige Zeit fiel dann auch die Grün­dung des Obst- und Garten­bau­ver­eins von Roten­fels. Aus der Not heraus schlos­sen sich Land­wirte, Obst­bau­ern und Unter­neh­mer zu einer vereins­ge­stütz­ten Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­tion zusam­men, um durch gegen­sei­tige Unter-stüt­zung und Erfah­rungs­aus­tausch die Ernäh­rung ihrer Fami­lien zu sichern und zu verbes­sern. Wenn wir heute über unsere Felder und Wiesen gehen und uns an den großen und gepfleg­ten Obst­bäu­men erfreuen, die in der Blüte­zeit unse­ren Ort schmü­cken und im Herbst oft zent­ner-schwere Lasten tragen, so sind die meis­ten dieser Bäume in der Grün­dungs­zeit unse­res Ver-eins gepflanzt worden. 

 

 

Die Zeit zwischen 1930 und 1950

 

Mit der Gleich­schal­tung aller Vereine 1933 durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten und dem  Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges im Jahr 1939 kam die Vereins­ar­beit vermut­lich nach und nach zum Erlie-gen. Die Geschichte des Obst- und Garten­bau­ver­eins Roten­fels verliert sich hier leider, zumal auch durch die Wirren des Zwei­ten Welt­krie­ges alle Vereins­un­ter­la­gen verlo­ren gegan­gen waren.

 

Die Arbeit in der Land­wirt­schaft oblag in jenen Jahren haupt­säch­lich den Frauen, denn die Männer waren zum Kriegs­dienst verpflich­tet worden. Nur Alte, Frauen und Kinder blie­ben im Ort. Der Obst­bau wurde zwangs­läu­fig vernach­läs­sigt. Ohne Pflege und Nach­pflan­zung wurde das geern­tet, was die Bäume eben herga­ben.

 

Nach Kriegs­ende 1945 war jegli­che Vereins­ar­beit – auch die des Obst- und Garten­bau­ver­eins in Roten­fels – durch die fran­zö­si­schen Besat­zer verbo­ten. 

 

Die Not in der Bevöl­ke­rung war groß. Jedes nur erdenk­li­che Stück­chen Boden wurde bepflanzt, jede Wiese von Hand gemäht, damit der Unter­halt der Fami­lie sicher gestellt werden konnte. Es kam sogar vor, dass hin und wieder heftig gestrit­ten wurde. Etwa dann, wenn einer nicht wusste oder „es nicht wissen wollte, dass die Grenze von Ziel­stein zu Ziel­stein gerade verläuft“. Nicht selten hatte ein Land­wirt „einen großen Bogen gepflügt oder gemäht“. In solchen Fällen muss­ten der damals amtie­rende Feld­hü­ter Josef Wiegele oder später Karl Köbele eingrei­fen.

 

 

Die Wieder­grün­dung des Obst- und Garten­bau­ver­eins Roten­fels im Jahr 1952

 

Erst 1952, als die letz­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen wieder zu Hause und die durch den Verlust von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen entstan­de­nen schlimms­ten Wunden vernarbt waren, als die meis­ten Men-schen wieder ein Dach über dem Kopf hatten – erst dann entschloss man sich, auch die Arbeit des Obst- und Garten­bau­ver­eins wieder aufzu­neh­men. Die Notwen­dig­keit war zwar nicht mehr so groß wie im Jahr 1930, als sich die Menschen aus Angst ums nackte Über­le­ben zusam­men-geschlos­sen hatten.

 

Doch jetzt war man am Beginn des land­wirt­schaft­li­chen Aufschwungs. Man erkannte, dass es neben Bohn­ap­fel, Bayri­scher Wein­birne und Schwei­zer Wasser­birne auch noch andere und vor allem besser schme­ckende Obst­sor­ten gab. Doch mit den neuen Sorten kamen auch neue Probleme: Plötz­lich traten früher nicht bekannte Pflan­zen­krank­hei­ten auf. Zudem wurden die Ansprü­che höher. Man wollte keinen Wurm mehr im Apfel oder in der Zwetschge haben, keine Läuse mehr am Salat und keine Raupen mehr im Kohl. Als nach der Währungs­re­form 1948 Mine­ral­dün­ger, neues Saat­gut und Schäd­lings­be­kämp­fungs­mit­tel zur Verfü­gung stan­den, hatte das Hungern bald ein Ende. Nun konn­ten wieder ordent­li­che Ernten einge­fah­ren werden. Die dama­lige Devise hieß: „Iss und trink, solang dir’s schmeckt, schon zwei­mal ist uns ’s Geld verreckt!“

 

Am 14. Februar 1952 trafen sich mehrere Roten­fel­ser im Bürger­saal des Rathau­ses zur Grün-dungs­ver­samm­lung. Die Vorar­bei­ten hier­für wurden durch Albert Wunsch, Franz Hense und Franz Witt­mann geleis­tet. Albert Wunsch eröff­nete die Versamm­lung, und Kreis­obst­bau-inspek­tor Kraft aus Michel­bach sprach über die Ziele und den Zweck eines Obst- und Garten-bauver­eins. Die Frage, ob Roten­fels denn einen eige­nen Obst- und Garten­bau­ver­ein bräuchte, war schnell geklärt. Zur dama­li­gen Zeit war es offen­bar nicht möglich, etwa zu einem Schnitt-kurs oder einer ande­ren Veran­stal­tung in den Nach­bar­ort zu gehen. Jede Gemeinde hatte sich in solchen Dingen gefäl­ligst selbst zu orga­ni­sie­ren.

 

Der Grün­dung des Vereins stand nichts entge­gen. In gehei­mer Wahl wurde Baum­schu­len-besit­zer Josef Götz­mann zum ersten Vorsit­zen­den des Obst- und Garten­bau­ver­eins bestimmt und Karl Stahl­ber­ger, der Betrei­ber der örtli­chen Genos­sen­schaft, zum zwei­ten Vorsit­zen­den. Als Kassier fungierte Albert Wunsch und als Schrift­füh­rer Eugen Karcher. Beiräte wurden Franz Hense, Helmut Gräßer und der Obst­an­käu­fer und Markt­be­trei­ber August Groß­mann.

 

Bereits nach kurzer Zeit legte Josef Götz­mann sein Amt wieder nieder. Am 27. April 1952 wurde Adolf Ströhm neuer erster Vorsit­zen­der. Der Mitglieds­bei­trag war auf 1 DM fest­ge­legt worden. Die Teil­nahme an den Schnitt­kur­sen war nur den damals 76 Vereins­mit­glie­dern vor-behal­ten.

 

In vielen Gemein­den des mittel­ba­di­schen Raumes erfuhr der Obst­bau einen kräf­ti­gen Auf-schwung. Der Grund: In den einzel­nen Ortschaf­ten waren Obst­an­nah­me­stel­len einge­rich­tet worden, die fortan auch eine Vermark­tung gewähr­leis­te­ten. In Roten­fels fanden sich solche Obst­an­nah­men bei Franz Witt­mann unweit des Glaser­ste­ges, bei Heinz Stro­bel in der Lorzing-straße und bei Franz Stro­bel in der Eichel­berg­straße. Bei August Groß­mann gegen­über dem Gast­haus Ochsen konnte Obst und Gemüse abge­lie­fert werden.

 

Der Land­kreis förderte die Errich­tung von Obst­an­la­gen. Zu den „großen Rennern“ zähl­ten zeit-weise Sauer­kir­schen und schwarze Johan­nis­bee­ren. Aus dem nahen Elsass kamen die ersten Spalier­obst­an­la­gen. In Bischweier hatte man sich auf Kirschen spezia­li­siert, in der Bühler Ge-gend auf Zwetsch­gen. In Roten­fels blieb man über­wie­gend beim Streu­obst.

 

Der Roten­fel­ser Obst- und Garten­bau­ver­ein passte sich flexi­bel den neuen Heraus­for­de­run­gen an: Er kaufte beispiels­weise eine Rücken­spritze zur Ausleihe an die Mitglie­der, orga­ni­sierte Obst­baum­be­stel­lun­gen, hielt auch wieder Schnitt- und Verede­lungs­kurse ab. Das Inter­esse an Vorträ­gen, etwa zur Schäd­lings­be­kämp­fung oder zur Düngung und Pflege der Obst­bäume, war groß. Die Ausflüge und Fahr­ten zu ande­ren Verei­nen, zu Obst­plan­ta­gen oder zur Herbst­messe nach Offen­burg waren sehr beliebt.

 

1955 gab Adolf Ströhm aus gesund­heit­li­chen Grün­den sein Amt als erster Vorsit­zen­der ab. Helmut Gräßer über­nahm für 1 Jahr die Nach­folge und wurde 1956 von Alois Metz als  neuem Vorsit­zen­den abge­löst.

  

 

Wirt­schaft­li­cher Aufschwung in den 60er Jahren

 

In den Zeiten des wirt­schaft­li­chen Aufschwungs verän­derte auch Roten­fels sein Gesicht. So wurde zwischen der Bahn­li­nie und dem Gebiet Langä­cker ein großes Bauge­lände erschlos­sen. In dieser Zeit entstan­den die neuen Häuser in der Wissigstraße. Die Gemeinde Roten­fels baute ein neues Schul­haus in der Dach­grub, und der Kurbe­trieb auf der ande­ren Murg­seite florierte präch­tig. Viele Roten­fel­ser vermie­te­ten mitt­ler­weile Zimmer an Kurgäste und besser­ten somit ihre Einkünfte auf.

  

Mitte der 60er Jahre enga­gierte sich der Obst- und Garten­bau­ver­ein für die Orts­ver­schö­ne­rung von Roten­fels und orga­ni­sierte die Pflan­zung von Rosen. 1967 erhielt jedes bei der Haupt­ver-samm­lung anwe­sende Mitglied einen Rosen­strauch zur Attrak­ti­vi­täts­stei­ge­rung des Ortes ge-schenkt. Das Vereins­ver­mö­gen belief sich damals auf 390 DM.

 

1968 gab Alois Metz nach 12jährigem Vorsitz wegen beruf­li­cher Verän­de­run­gen sein Amt als erster Vorsit­zen­der ab. Es gab mehrere Bewer­ber für die Nach­folge. Nach einer Kampfab-stim­mung fiel die Wahl auf Anton Erwin Lutz.

 

Fort­bil­dun­gen und Lehr­fahr­ten stan­den nach wie vor hoch im Kurs. Für die jähr­li­chen Vereins-ausflüge waren oftmals mehrere Busse erfor­der­lich.

 

Indus­trie­ali­sie­rung und Mecha­ni­sie­rung der Land­wirt­schaft schrit­ten immer weiter voran. Alte, eng mit der Land­wirt­schaft verbun­dene Hand­werks­be­triebe  – wie Wagne­reien, Schmie­den und Küfe­reien – muss­ten aufge­ge­ben werden. Der Preis­ver­fall für land­wirt­schaft­li­che Produkte bot klei­nen Betrie­ben kaum mehr eine Chance. Die ersten Kuhställe stan­den bereits leer, die Wie-sentä­ler wurden nicht mehr genutzt.

 

 

Die Jahre ab 1970

 

1970 schloss sich Roten­fels mit seinen damals 4.700 Einwoh­nern mit Gagge­nau zusam­men. Hermann Schöp­fer, der letzte Roten­fel­ser Bürger-meis­ter, wurde unter Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Helmut Dahrin­ger nun Bürger­meis­ter von Gagge­nau. Im glei­chen Jahr erfolgte auch die Einglie-derung der 1.280 Einwoh­ner von Selbach.

 

Während die Versamm­lun­gen und Kurse des Vereins bislang vorwie­gend von Männern be-sucht worden waren, gewan­nen ab Anfang der 70er Jahre auch immer mehr Frauen Inter­esse an den Vereins­ver­an­stal­tun­gen. Ihre Anzahl nahm stän­dig zu. Ursäch­lich waren vermut­lich die neuen Vortrags­rei­hen, die vor allem Themen wie Gemüse- und Garten­bau, Blumen­schmuck und Orts­ver­schö­ne­rung behan­del­ten.

 

Unter dem Leit­spruch „Gagge­nau – die blühende Stadt an der Murg“ führte die Stadt Gagge­nau Orts­ver­schö­ne­rungs­wett­be­werbe durch, bei denen der Blumen­schmuck an den Häusern mit Prei­sen hono­riert wurde. Der Obst- und Garten­bau­ver­ein leis­tete mit 125 gepflanz­ten Klet­ter-rosen in der Eichel­berg­straße seinen Beitrag zur Orts­ver­schö­ne­rung, in den folgen­den Jahren auch in der Sofien‑, Lorzing- und Ring­straße. Eine Zeit lang gab es auch Gera­ni­en­märkte in Roten­fels und Selbach.

  

Inzwi­schen war es für den Verein notwen­dig gewor­den, sich ordent­lich zu orga­ni­sie­ren. Schrift-führer Erwin Abele entwarf deshalb eine Satzung, die erst­mals Zustän­dig­kei­ten und Wahl-rhyth­men klärte. Diese Satzung hat in wesent­li­chen Teilen heute noch Ihre Gültig­keit.

 

Die Durch­sa­gen über die Orts­ruf­an­lage in Roten­fels wurden 1973 einge­stellt. Gleich­zei­tig be-klag­ten sich jedoch auch die Roten­fel­ser über die schlech­ten Infor­ma­tio­nen im Gemeinde-anzei­ger, worauf der dama­lige Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Helmut Dahrin­ger der Gemeinde einen kosten­lo­sen Stadt­an­zei­ger zusi­cherte.

 

Neben seinen tradi­tio­nel­len Kursen und Veran­stal­tun­gen setzte der Verein konse­quent seine Bemü­hun­gen um die Orts­ver­schö­ne­rung fort. Es wurden Rosen im Bereich von Herder‑, Ring‑, Hinden­burg- und Wissigstraße und im Almen­weg gepflanzt. Auch die Lehr­fahr­ten, wie bei-spiels­weise zur Versuchs­an­stalt Augus­ten­berg, fanden großes Inter­esse unter den Vereins-mitglie­dern.

 

1975 wurden Michel­bach und Hörden Stadt­teile von Gagge­nau.

 

Beim Roten­fel­ser Obst- und Garten­bau­ver­ein erhöhte sich der Mitglieds­bei­trag von 2 auf 4 DM. Die Gene­ral­ver­samm­lung fand erst­mals im katho­li­schen Gemein­de­saal statt, da der Saal im Gast­haus Ochsen nicht mehr zur Verfü­gung stand.

 

Der Verein orga­ni­sierte alljähr­lich eine Feld­be­ge­hung, bei der unter ande­rem anfal­lende Pro-bleme des Obst­baus direkt vor Ort bespro­chen wurden. Die Teil­neh­mer trafen sich dann meist noch zu einem zünf­ti­gen Abschluss in der Scheune von Fami­lie Seiser in Winkel. Rück­bli­ckend war diese „Hockete“ der Vorläu­fer des alljähr­lich statt­fin­den­den  Vater­tags­fes­tes auf dem Gewann Hemm­stich.

 

 

Die 80er Jahre

 

1979 wurde in Roten­fels die Fest­halle gebaut, und 1980 feierte der Verein dort sein 50jähriges Jubi­läum mit einer großer Obst­aus­stel­lung, einem riesi­gen Ernte­wa­gen und einer Präsen­ta­tion von alten land­wirt­schaft­li­chen Gerä­ten. Die Mitglie­der hatten ein unter­halt­sa­mes zwei­tä­gi­ges Programm auf die Beine gestellt. Da der Verein zur dama­li­gen Zeit noch nicht im Vereins-regis­ter einge­tra­gen war, bestand mit einem even­tu­el­len Miss­erfolg dieser Jubi­lä­ums­ver­an­s­tal-tung auch ein persön­li­ches Risiko für die Vorstand­schaft. Allein schon die Vorstel­lung berei­tete dem dama­li­gen Vorsit­zen­den Anton Erwin Lutz derar­tige Bauch­schmer­zen, dass sich der Bemit­lei­dens­werte eine Woche lang nur von Schleim­suppe ernäh­ren konnte.

 

Doch das Jubi­lä­ums­fest wurde ein voller Erfolg! Der Obst- und Garten­bau­ver­ein hatte mit der Ausstel­lung von alten Bildern und einer anspre­chen­den Deko­ra­tion in der Fest­halle Neuland betre­ten, und die Roten­fel­ser hatten diese Bemü­hun­gen mit gutem Fest­be­such hono­riert.

 

Dieser über­ra­schende Erfolg war für den Verein Grund genug, im Jahr 1981 auf dem Hemms-tich Sitz­bänke aufzu­stel­len. Zu deren Einwei­hung gab es an Christi Himmel­fahrt ein klei­nes Fest. Mit ein paar Kisten Bier und heißen Würs­ten, die auf einem wacke­li­gen Camping­ko­cher erwärmt wurden, entstand der Grund­stein für das inzwi­schen tradi­tio­nelle Vater­tags­fest des Vereins auf dem Hemm­stich. Dank der Einnah­men aus diesen Festen war es dem Verein mög-lich, weitere Inves­ti­tio­nen im Bereich der Orts­ver­schö­ne­rung durch­zu­füh­ren. So wurden beispiels­weise Anfang der 80er Jahre entlang der Ring­straße mehr als 200 Zier­sträu­cher ge-pflanzt, um das unge­pflegte Bahn­ge­lände zu kaschie­ren. Der Verein stellte zudem weitere Sitz-bänke auf, beispiels­weise bei der alten Schule, beim Wasser­re­ser­voir oder am Wald­rand beim Langen Busch. Einige Mitglie­der bepflanz­ten die beiden Begrü­ßungs­schil­der an den Ortsein-gängen auf Vereins­kos­ten.

 

In den Jahren 1986 ‑1988 wurde zwischen den Obst­bau­ern und der Natur­schutz­be­hörde heftig wegen der Auswei­sung der „Wink­ler Vorberg­zone“ als Land­schafts­schutz­ge­biet gerun­gen. Die Obst­bau­ern befürch­te­ten Einschrän­kun­gen bei der Einfrie­dung und Nutzung der Grund­stü­cke. Dem Obst- und Garten­bau­ver­ein unter dem dama­li­gen enga­gier­ten Vorsit­zen­den Anton Erwin Lutz gelang es, die Verord­nung in eini­gen Punk­ten zu entschär­fen.

 

 

Die Jahre ab 1990

 

Der Rück­gang der Land­wirt­schaft war in Roten­fels nicht mehr aufzu­hal­ten, und es blieb der verschul­de­ten Raiff­ei­sen-Waren­ge­nos­sen­schaft nichts ande­res übrig, als ihren Besitz zu verkau­fen und sich aufzu­lö­sen. Das Gebäude in der Hinden­burg­straße wurde abge­bro­chen und für Wohn­zwe­cke verwen­det. Die Kelter­an­lage auf dem Gelände konnte durch Vermitt­lung des Vereins in die Nähe des Bahn­hofs umzie­hen, musste dann aber im Jahr 1999 eben­falls aus wirt­schaft­li­chen Grün­den endgül­tig aufge­ge­ben werden.

 

Für den Verein waren diese Auflö­sun­gen jedoch kein Grund zur Resi­gna­tion. Mit großem Eifer wurden Anstren­gun­gen zum Erhalt der Streu­obst­wie­sen im Land­schafts­schutz­ge­biet Wink­ler Vorberg­zone durch­ge­führt. In mehre­ren Aktio­nen pflanz­ten die Mitglie­der mehr als 1.500 Obst­bäume. Für dieses Enga­ge­ment erhielt der Verein auch im Jahr 2000 den Umwelt­preis der Stadt Gagge­nau.

 

Die Akti­vi­tä­ten zur Orts­ver­schö­ne­rung wurden syste­ma­tisch ausge­baut. Ab Anfang der 90er Jahre erhiel­ten die Licht­mas­ten entlang der Stra­ßen Blumen­am­peln. Später enga­gierte sich der Verein in zahl­rei­chen Pflan­zun­gen von Blumen­zwie­beln in öffent­li­chen Berei­chen, etwa am Murg­damm, entlang der Bahn­li­nie und beim Fried­hof.

 

Seit Beginn der 90er Jahre nimmt Bad Roten­fels regel­mä­ßig am Wett­be­werb des Land­krei­ses „Unser Dorf soll schö­ner werden – unser Dorf hat Zukunft“ teil und erreichte regel­mä­ßig heraus­ra­gende Plat­zie­run­gen.

 

Auch in der Gemein­schaft der Roten­fel­ser Vereine brachte sich der Obst- und Garten­bau­ver­ein aktiv ein, wie etwa beim Fest anläss­lich der Einwei­hung der umge­stal­te­ten Rathaus­straße, beim 150-jähri­gen Jubi­läum der Elisa­be­then­quelle, bei der 950-Jahr-Feier von Bad Roten­fels und zuletzt beim Kapel­len­fest im Jahr 2002.

 

Für ein solches Enga­ge­ment benö­tigte der Verein immer mehr Platz für die Unter­brin­gung von Vereins­ge­gen­stän­den. Werk­zeuge und Gerät­schaf­ten waren ange­schafft worden, die Blumen­scha­len muss­ten über den Winter aufbe­wahrt werden. Der Verein besaß auch kein Archiv für seine Unter­la­gen. Folg­lich musste bei mehre­ren Vorstands­mit­glie­dern irgend etwas einge­la­gert werden. Schließ­lich entschloss man sich, ein klei­nes Vereins­heim zu bauen. Die Stadt Gagge­nau stellte dem Verein ein Gelände in der Karl­straße zur Verfü­gung. Das Gebäude wurde über­wie­gend in Eigen­re­gie unter Anlei­tung von Kurt Riedin­ger erstellt und war 1995 zur Freude aller bezugs­fer­tig.

 

Im glei­chen Jahr verstarb Anton Erwin Lutz, der 27 Jahre lang unun­ter­bro­chen den Verein gelei­tet hatte. Sein Nach­fol­ger wurde Karl Mitzel. Seit 1998 steht der Verein unter der Leitung von Jürgen Maier-Born.

 

Da sich der Obst- und Garten­bau­ver­ein schon immer für Verbes­se­run­gen im Orts­bild einge­setzt hatte, ergriff man im Jahr 2002 die Initia­tive und entwi­ckelte im Rahmen des Stadt­bahn­aus­baus ein Konzept zur Aufwer­tung des Orts­ein­gan­ges von Bad Roten­fels, das dann letzt­end­lich auch so in allen Punk­ten umge­setzt wurde.

 

Das jüngste Projekt ist die flächen­mä­ßige Öffnung von verbusch­ten oder zwischen­zeit­lich gänz­lich zuge­wach­se­nen Flächen in den ehema­li­gen Roten­fel­ser Wiesen­tä­lern. Hier star­tet der Verein im Jahr 2005 mit der Öffnung und Wieder­her­stel­lung des vorde­ren Gommers­bach­ta­les eine viel verspre­chende Aktion, die nicht nur der Bevöl­ke­rung von Bad Roten­fels zugute kommt, sondern auch der Land­schafts­pflege, dem Natur­schutz und der Umwelt dient.